Weniger Zucker im Babyalter: Die süße Gefahr fürs Gehirn im Alter?
Stellen Sie sich vor, Sie könnten das Risiko, Jahrzehnte später an einer Demenz zu erkranken, bereits in den ersten Lebenstagen entscheidend beeinflussen. Klingt unglaublich? Eine faszinierende neue Studie von Forschenden der Hong Kong University of Science and Technology liefert genau dafür jetzt spannende Hinweise.
Das Team um Erstautor Jiazhen Zheng hat untersucht, wie sich der Zuckerkonsum in der Schwangerschaft und den ersten beiden Lebensjahren auf die spätere Gehirngesundheit auswirkt. Die Ergebnisse geben Medizinern und Eltern gleichermaßen zu denken.
Ein historischer Zufall als Forschungslabor
Wie weist man die lebenslangen Folgen von Zucker nach? Ganz einfach: Man nutzt die Geschichte. Die Forschenden analysierten die Daten von über 64.000 Menschen aus Großbritannien. Das Besondere daran: Ein Teil von ihnen wurde während der strengen Zuckerrationierung im und nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Erst ab 1953 war Zucker in Großbritannien wieder unbegrenzt verfügbar.
Diese historische Trennlinie erlaubte es den Wissenschaftlern, zwei Gruppen zu vergleichen: Diejenigen, die im Mutterleib und als Kleinkind fast zuckerfrei aufwuchsen, und diejenigen, die nach dem Ende der Rationierung mit deutlich mehr Süßem groß wurden.
Die erstaunlichen Ergebnisse im Überblick
Die Auswertungen der Langzeitdaten zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem frühen Verzicht und der geistigen Fitness im Alter:
- 🛡️ Sinkendes Demenzrisiko: Kinder, die im ersten Lebensjahr zuckerarm aufwuchsen, hatten im Alter ein um 21 % geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken. Zog sich die Zuckerknappheit bis zum zweiten Lebensjahr durch, sank das Risiko sogar um 23 %.
- ⏳ Späterer Krankheitsbeginn: Wenn Menschen aus der „zuckerarmen“ Gruppe dennoch an Demenz erkrankten, trat die Krankheit im Schnitt 2,55 Jahre später auf. Zudem verlief die Krankheitsprogression langsamer.
- 🧠 Bessere Hirnstruktur: MRT-Aufnahmen zeigten im Alter ein größeres Volumen der grauen Substanz und weniger Schädigungen der weißen Substanz. Auch in Kognitionstests (Gedächtnis, Logik, Reaktionszeit) schnitten diese Personen besser ab.
Wichtige Einschränkung: Korrelation ist nicht gleich Kausalität
So vielversprechend die Zahlen klingen, betont das Forschungsteam auch ein wichtiges Detail: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Das bedeutet, die Studie belegt eine starke Assoziation(Zusammenhang), aber noch keinen endgültigen Kausalbeweis.
Während der Rationierung nach dem Krieg ernährten sich die Menschen insgesamt anders – es gab weniger verarbeitete Lebensmittel und generell eine andere Lebensweise. Dennoch passen die Ergebnisse perfekt zu dem, was wir bereits über die schädlichen Auswirkungen von hohem Zuckerkonsum auf Entzündungsprozesse und den Stoffwechsel im Körper wissen.
Was bedeutet das für uns heute?
„Die Befunde verdeutlichen die potenzielle Bedeutung der Ernährung in der frühen Lebensphase, um das Demenzrisiko Jahrzehnte später zu senken“, erklärt Studienleiter Zheng.
Für werdende Mütter und Eltern von Säuglingen ist die Botschaft klar: Weniger ist mehr. Auch wenn noch weitere Forschung nötig ist, um die genauen biologischen Mechanismen im Gehirn zu verstehen, schadet es keineswegs, den Zuckerkonsum in der Schwangerschaft und im Beikostalter so gering wie möglich zu halten. Es könnte das schönste Geschenk sein, das wir der nächsten Generation für ihre Zukunft machen.

Quelle : Deutsches Ärzteblatt, Pressemeldung vom 17.08.2026
Literatur: Zheng J, Lipp GYH, Zhang Z., Ricky Lee SW: Association of sugar restriktion in utero through age 2 years on dementia risk later in life . Neurology 2026. https:// doi.org/10.1212/WNL0000000000218313.
